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Georg Moritz Pohlmann
Beschwerdebild

Depressive Entwicklungen

Die depressive Dynamik

Die leidvolle Dynamik, die die diagnostische Bezeichnung „Depression“ verliehen bekommt, kann durch ein Wechselwirkungsgeschehen verschiedener Elemente entstehen und aufrechterhalten werden. Nicht alle davon müssen bei jedem Menschen in gleicher Weise eine Rolle spielen:

  • Dem eigenen Erleben wird zunehmend kritisch, ungeduldig oder abwertend begegnet. Zustände von Erschöpfung, Überforderung, Einsamkeit, Enttäuschung oder Bedürftigkeit stoßen innerlich weniger auf Interesse, Verständnis und Akzeptanz, sondern auf Reaktionen wie: Reiß dich zusammen. Stell dich nicht so an. Sei keine Last. Du musst funktionieren. Damit wird es zugleich schwieriger, das eigene Erleben als mögliche Quelle von Informationen ernst zu nehmen – etwa darüber, was man braucht und möchte, wo eigene Grenzen liegen, welche Konflikte bestehen oder was einem fehlt. Fortwährendes problemorientiertes Nachdenken darüber, warum man so ist und was mit einem nicht stimmt, kann diese kritische Beziehung zum eigenen Erleben zusätzlich verstärken.
  • Die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf die Diskrepanz zwischen dem gegenwärtigen Zustand und dem, wie man eigentlich sein oder funktionieren müsste. Nicht Gelungenes, Fehlendes und Unzureichendes erhält besonderes Gewicht, während Erreichtes und Geleistetes rasch an Bedeutung verliert. Zugleich wird die eigene Vergangenheit bevorzugt nach Erfahrungen von Scheitern, Enttäuschung oder Zurückweisung durchsucht und der gegenwärtige Zustand in die Zukunft fortgeschrieben: Es war schon immer so. Es ist so. Und vermutlich wird es auch so bleiben.
  • Die Hoffnung, sich wieder in Ordnung, wertvoll oder zufrieden fühlen zu können, wird zunehmend an die Erfüllung bestimmter Ziele und Bedingungen gebunden: Wenn ich nur wieder richtig funktioniere, beruflich erfolgreich bin, die Anerkennung anderer erhalte oder diese Beziehung gelingt, dann wird es mir wieder gut gehen. Auf dem Weg dorthin werden eigene Erschöpfungs- und Belastungssignale ebenso wie Bedürfnisse, Wünsche und innere Widerstände zunehmend übergangen. Der Kontakt dazu, was man selbst braucht und möchte, was einem wichtig ist und als richtig oder stimmig erscheint, geht dadurch zunehmend verloren.
  • Bleibt das Erhoffte aus, wird dies erneut zum Anlass für Selbstzweifel, Druck und Enttäuschung. Doch auch das Erreichen eines lange verfolgten Ziels muss die erhoffte innere Veränderung nicht mit sich bringen: Jetzt habe ich erreicht, worauf ich so lange hingearbeitet habe – und fühle mich trotzdem nicht besser. Je weniger dabei noch wahrgenommen wird, was einem selbst wichtig ist, was man braucht und als richtig oder stimmig empfindet, desto stärker wird das eigene Tun von eigenen Bedürfnissen und Werthaltungen entkoppelt – und verliert damit zunehmend an Sinn.
  • Dieses Wechselwirkungsgeschehen umfasst auch körperliche und biologische Regulationsprozesse. Schlaf und Erholung können beeinträchtigt sein; Atmung, Muskelspannung, Bewegungsverhalten und Körperhaltung verändern sich. Zustände von Schwere, verminderter Aktivierungsbereitschaft oder erschöpfter Anspannung können entstehen. Was ohnehin schwierig erscheint, fühlt sich nun auch körperlich mühsamer an – und die Schwelle, von sich aus tätig zu werden oder sich auf möglicherweise lohnende Erfahrungen einzulassen, steigt weiter.
  • Um sich vor erneuter Enttäuschung, Überforderung oder Verletzung zu schützen, werden Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen zunehmend zurückgenommen; schmerzhafte Gefühle, Sehnsüchte und Bedürfnisse auf Abstand gehalten: Dann erwarte ich lieber nichts mehr. Von anderen brauche ich nichts. Es lohnt sich ohnehin nicht. Diese emotionale Abschirmung schützt zunächst vor weiteren schmerzhaften Erfahrungen, erschwert zugleich aber auch Erfahrungen von Freude, Interesse, Verbundenheit und Lebendigkeit.
  • Aktivitäten, Beziehungen und Wagnisse, die mit Anstrengung, Unsicherheit oder der Möglichkeit erneuter Enttäuschung verbunden sind, werden zunehmend reduziert oder vermieden. Damit werden jedoch auch Erfahrungen seltener, in denen Verbundenheit, Freude, eigene Wirksamkeit und Kompetenz erlebt und neue Möglichkeiten entdeckt werden.

Neue Dynamiken anstoßen

Die gemeinsame Arbeit zielt darauf, neue Wechselwirkungsdynamiken zu entfachen, durch die wieder mehr innere Bewegungsfreiheit, Selbst-Bewusstsein und Handlungsfähigkeit entstehen können. Typischerweise können dazu unter anderem gehören:

  • die Erprobung einer anderen Beziehung zum eigenen Erleben: kritisch-entwertende Gedanken und Selbstbewertungen mit größerer Distanz wahrnehmen und Zuständen von Erschöpfung, Enttäuschung, Selbstzweifel oder innerer Leere mit mehr Geduld, Akzeptanz und Interesse begegnen. Dazu gehört auch, zunächst vielleicht diffuse Gefühlszustände, innere Widerstände und körperliche Signale nicht vorschnell abzuwerten oder beseitigen zu wollen, sondern zu erkunden, welche legitimen Bedürfnisse und Anliegen, Grenzen oder inneren Dilemmata darin zum Ausdruck kommen könnten;
  • die Stärkung des Bezugs zum Hier und Jetzt und das Anstoßen neuer körperlicher Dynamiken: die Aufmerksamkeit wieder stärker auf die Gegenwart richten und erproben, wie über Bewegung, Atmung, Blick, Körperhaltung sowie einen veränderten Umgang mit Schlaf und Erholung auch auf körperlicher Ebene neue Erfahrungen ermöglicht werden können;
  • die Überprüfung und Lockerung starrer Zielbindungen und innerer Bedingungen, von deren Erreichen Wohlbefinden oder Wertgefühl abhängig gemacht wurden – und die gemeinsame Erkundung, was über diese Ziele eigentlich erreicht oder erfüllt werden sollte;
  • die Bahnung von Selbst-Bewusstsein: die Aufmerksamkeit wieder stärker darauf richten, was Ihnen selbst wichtig erscheint, was sich für Sie konsistent, richtig und stimmig anfühlt und in welche Richtung Sie Ihr Leben bewegen möchten – sowie die Aktivierung, Entwicklung und Erprobung von Kompetenzen, die Sie benötigen, um diesen Anliegen auch unter Erschöpfung, Selbstzweifel oder innerem Widerstand Ausdruck verleihen zu können;
  • die Initiierung lohnenswerter Wagnisse: sich wieder auf Tätigkeiten, Beziehungen, eigene Wünsche und Herausforderungen einzulassen, auch wenn Freude, Zuversicht oder Motivation nicht bereits im Voraus vorhanden sind. Ein solches Wagnis kann gerade auch darin bestehen, sich anderen wieder zu zeigen, Nähe und Unterstützung zu suchen, eigene Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen, etwas von anderen zu wollen und dabei die Möglichkeit von Enttäuschung zu riskieren.
Kontakt

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